Queeres Deutsch – kann’s das geben?

Die deutsche Sprache erscheint für Menschen, die Geschlecht als soziale Kategorie kritisch und das das Generische Maskulinum als schädlich sehen (siehe „Warum gendern?“), als Graus.

In ihrem jetzigen Zustand – dieser ist vom Rechtschreibrat sehr präzise beschrieben – ist sie das auch. Durchweg wird zwischen männlichen und weiblichen Formen unterschieden und die wenigsten Begriffe sind tatsächlich geschlechtsneutral. Auf dem Weg hin zu einer geschlechtsneutralen Sprache muß also einer neuer, für deutsche Verhältnisse sicherlich revolutionärerer Weg beschritten werden: Wir machen uns die Sprache, wie sie uns gefällt! Was im Englischen seit Jahrhunderten gut geübte Praxis ist, ist im Zentralismus der deutschen Sprache ein Novum.

Mit Gender Star und Gender Gap ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung getan. Geschlechtsneutrale Sprache wurde dadurch erst möglich, da Begriffe wie „Schüler*in“ keine Krücke für „Schülerinnen und Schüler“ ist, sondern alleine dasteht. In der Aussprache wird dieser Asterisk (das kleine Sternchen), beziehungsweise der Unterstrich mit einem sogenannten Glottisschlag, dem kurzen Abbrechen des Redeflusses, verdeutlicht.

Wie aber eingangs beschrieben, ist die deutsche Sprache eine harte Nuß. Der bestimmte Artikel im Singular stellt uns nämlich vor ein ziemliches Problem: Eine feminine Endung, die durch einen Glottisschlag vom maskulinen Wortteil abgegrenzt wird, ist hier nicht möglich. Zu unterschiedlich sind sich die Formen. Kein Glottisschlag der Welt macht also aus „der“ „die“ und andersherum. Meist wird hierbei entweder zu einer Pluralform des Substantives oder der höchst unschönen Form „die*der“ gegriffen. Besonders letzteres ist problematisch, da es durch den Asterisk den Anschein erweckt eine geschlechtsneutrale Formulierung zu sein, tatsächlich aber nur die feminine und die maskuline Form aneinandergereiht und durch einen Asterisk getrennt sind. Das, was in tatsächlich geschlechtsneutralen Formen charakteristisch ist – der Glottisschlag, sowie die „Wortneuschöpfung“ – findet sich nicht, da es zwei von einander unabhängige Wörter sind. Der Reproduktion von Zweigeschlechtlichkeit ist mal wieder genüge getan.

Um uns also aus dieser Misere zu entkommen, muß ein – er scheint, wie bereits beschrieben, für deutsche Verhältnisse radikal – Schritt gemacht werden, der überreif ist: Wir müssen uns die Sprache endlich wirklich aneignen, und dann muß der bestimmte Artikel bei Wörtern für Menschen fallen!

Was so radikal klingt, ist eigentlich ganz einfach und unglaublich praktisch. Statt der unhandlichen und das Verständnis erschwerenden Konstruktion „die*der“ etc. schaffen wir eine, die grammatikalisch eindeutig, den Lesefluß erleichternd und tatsächlich geschlechtsneutral ist: einen neuen, geschlechtsneutralen Artikel!

„Ja, geht denn das überhaupt?!“

An diesen neuen Artikel müßten natürlich einige Anforderungen gestellt sein. So muß einerseits grammatikalische Eindeutigkeit gegeben sein, und andererseits muß er tatsächlich geschlechtsneutral, also queer, sein. Wenn wir  den femininen Artikel „die“ in den Fällen dekliniert betrachte, erkennen wir, daß nur zwei unterschiedliche Formen vorkommen: „die“ (Nominativ und Akkusativ Singular) und „der“ (Dativ und Genitiv Singular). Für die Aussprache böte sich an, etwas zu haben, was [de] ausgesprochen wird. Es orientiert sich dadurch am englischen „the“ und dem dänischen „de“, beides geschlechtsneutrale Artikel, und stellt eine Zwischenform zwischen „die“ und „der“ dar. Um eine grammatikalische Unterscheidung vornehmen zu können, sollte bei Nominativ und Akkusativ Singular „d“ zu schreiben, und bei Dativ und Genitiv Singular „de“. Die Unterscheidung räumt jeden Zweifeln an der grammatikalischen Kongruenz, der Stimmigkeit der Sprache in sich, aus.

Diese Schaffung eines neuen grammatikalischen Genus’ für geschlechtsneutrale Begriffe – es hieße dann nicht „die Schülerin oder der Schüler“ sondern einfach „d* Schüler*in“ – sähe in der Übersicht dekliniert folgendermaßen aus:

<

p style=“padding-left:30px;“>Nominativ Sg.: d*
Akkusativ Sg.: d*
Dativ Sg.: de*
Genitiv Sg.: de*

Ob der Rechtschreibrat jedoch jemals den Mut haben wird, sich von dem verkrusteten alten Deutsch, daß Zweigeschlechtlichkeit, Heternormativität und Patriarchat reproduziert, loszusagen bleibt offen. Ich würde es mir wünschen.

Und solange: Machen wir uns die Sprache, wie sie uns gefällt und lassen den Rechtschreibrat Rechtschreibrat sein – denn die Sprache lebt und entwickelt sich nur an der Basis.

Kategorien: Queer

3 Kommentare

philgeland · 12. Juli 2013 um 23:23

Bleibt noch die Frage, weshalb unser Himmelstrabant im Deutschen „ein Mann“ und in den romanischen Sprachen „eine Frau“ ist.

Hofffe, Sie ahnen worauf ich hinaus will.

Mit augenzwinkernden Grüßen.

    mrohrlack · 15. Juli 2013 um 19:48

    Daß das Genus der Substantive, die sich nicht auf Menschen beziehen, meist willkürlich ist, sollte hinlänglich bekannt sein. Auch bei Bezeichnungen für Menschen gibt es Genera, die nicht problematisch sind: etwa bei „Mensch“ oder „Person“. 😉

      philgeland · 16. Juli 2013 um 0:01

      Gut, aber wann ist es denn problematisch? Bei Berufen, Titeln und Ähnlichem wird doch beispielsweise schon unterschieden. (Das Thema ist mir immer noch ein wenig fremd). Bei welchen Begriffen oder Bezeichnungen gibt es Deiner Meinung nach – sagen wir – Änderungsbedarf?

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