Sie sind ein ewiger Streitpunkt zwischen Liberalen auf der einen und Konservativen auf der anderen Seite: Die Öffnungszeiten. Sie gehören eigentlich auf eine Liste von Dingen, über die man keine Diskussion anfangen sollte – ich mach’s mal trotzdem. Nicht weil ich glaube, dass man hier dogmatisch recht behalten muss, sondern weil mein Politikverständnis von Interessenausgleich ausgeht und ich die unterschiedlichen Perspektiven bei dem Thema durchaus für vereinbar halte.
In München wurde kürzlich mit einer Vehemenz über einen(!) verkaufsoffenen Sonntag gestritten, als ginge es um die Systemfrage schlechthin, und in Bayern gilt das strikteste Ladenschlussgesetz überhaupt: Nach acht hat nichts mehr offen zu haben. Auch meine Partei, die Grünen, diskutiert eifrig und auch hier gehen die Meinungen weit auseinander. Aber warum eigentlich?

Arbeitspolitische Aspekte

Der vermutlich zentralste Aspekt der Ablehnung einer Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten ist sozialpolitisch. Durch die freigegebenen Zeiten leiste man der Ausbeutung der zu einem großen Teil weiblichen Arbeitnehmer_innen Vorschub, da sie nun zu unmöglichsten Nachtzeiten arbeiten „müssen“. Das Argument ist aber in vielerlei Hinsicht falsch. Zuvörderst muss man um Ausbeutung vorzubeugen nicht eine Tätigkeit – in diesem Fall die Nachtschicht – verbieten, sondern die Ausbeutung verbieten. Was in klassischen Schichtarbeitsbetrieben üblich ist, geht auch im Einzelhandel: Nachtzuschläge und Arbeitszeitbegrenzungen. Freilich soll niemand von sieben Uhr morgens bis zwölf Uhr nachts mit einer halben Stunde Mittag dazwischen durcharbeiten – aber dafür gibt es andere Gesetze als das Ladenschlussgesetz. Zumal die Erfahrung aus anderen Bundesländern und Staaten zeigt, dass längere (mögliche) Öffnungszeiten nicht zum Zusammenbruch des sozialen Friedens geführt haben. Nicht jeder Laden hat immer offen, und ob es angenehmer ist um sieben Uhr mit dem Arbeiten anzufangen, was legal ist, oder bis zehn Schicht zu schieben, würde ich dem persönlichen Geschmack und Tagesrhythmus d. Arbeitnehmer_in überlassen.

Vielmehr bieten Spät- und Nachtschichten Potentiale, da sie andere Arbeitszeiten bieten. Für viele ist nämlich gerade das späte Arbeiten interessant. So manche_r Student_in ist froh, wenn die Uni erst um zwölf beginnt, am Abend zuvor noch etwas dazuzuverdienen, und in Familien, in denen beide Eltern arbeiten, lässt sich die Kinderbetreuung bei weiter auseinander liegenden Arbeitszeiten besser aufteilen. Statt also einem Zwang zur Nachtarbeit würden neue Chancen der freien Lebensgestaltung eröffnet.

Veränderte Lebensrhythmen ernst nehmen

Für Konservative scheint das Ladenschlussgesetz aber auch eine der letzten großen Bastionen der Ordnung. »Nachts um elf noch einen Großeinkauf? Wer macht denn sowas und wo kämen wir da denn hin?!« Lange mag es gegolten haben, dass in der Hausfrauenehe der alten Bundesrepublik »Mutti« vormittags einkaufen ging bevor sie das Mittagessen für »ihre Liebsten« zubereitete. Die Läden schlossen noch früher als heute und alle waren irgendwie versorgt und glücklich. Durch Frauenemanzipation und damit einhergehende Erwerbstätigkeit, durch die zunehmende Anzahl an Single-Haushalten ist dieses Modell aber auf dem absteigenden, vermutlich sogar eher dem sterbenden Ast. Die Lebensrealität von Singles, Alleinziehenden, Studierenden und auch Verheirateten sieht heute anders aus. Wer länger arbeitet, hat oft nicht die Möglichkeit einzukaufen bevor die Läden schließen. Nach acht bleiben nur die großen Bahnhöfe und Tankstellen – die sich für ihre Sonderstellung auch gut bezahlen lassen. Statt also an Vorgaben festzuhalten, die Menschen in ein überkommenes Korsett bezüglich ihrer Lebens- und Tagesgestaltung zu zwängen versuchen, sollten die staatlichen Vorgaben die Freiheit für individuelle Zeitabläufe geben und der Lebensrealität von Millionen Menschen Rechnung tragen.

Und wenn wider Erwarten nach acht doch niemand mehr einkaufen will, bleiben die Geschäfte halt weiterhin zu. So ist der Markt.

Kategorien: Politik

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