Zuerst mal soviel: Ich werde mich nicht „distanzieren“. Volker Beck hat so viel für die Gleichstellung von Nicht-Heterosexuellen getan, dass ihm alleine Dank und Anerkennung gebührt und sein Rückzug zweifelsohne ein Verlust ist. Auch sein Engagement für die deutsch-israelischen Beziehungen sucht seinesgleichen in diesem Parlament. Wie jetzt aber über ihn hergezogen wird, ist scheinheilig.

Moralin

Scheinbar sind sich alle einig: Beck ist ein Moralapostel. (Bild, SPON, SZ) Dieser Vorwurf wird weder glaubhaft begründet, noch ist er haltbar – aber er ist exemplarisch. Jemand, der über Jahrzehnte hinweg Homophobie, Rassismus und Antisemitismus angeprangert hat, muss scheinbar in Deutschland ein Moralapostel sein. Da trifft es mal den Richtigen, höhnt der Wutbürger. Die BILD-Zeitung macht gar den Hitler-Vergleich – oh, wie müssen die Sektkorken in der Redaktion ob dieser journalistischen Meisterleitung geknallt haben.

Eine Partei, die die Schweinefleischpflicht zum Kulturgut erklärt und ihren Kampf gegen die Ehe für alle als „Schutz von Ehe und Familie“ euphemisiert, frohlockt. Wie moralisch.

Vermeintliche Liberale – einflussreiche Politiker*innen der FDP – verurteilen das persönliche Verhalten eines Menschen und spannen den Bogen, man wäre damals ja noch viel ungerechter mit dem Sexisten Rainer Brüderle umgegangen.

Plötzlich trauen sich alle aus der Deckung, die die Grünen oder mindestens Volker Beck schon immer für „pervers“ hielten, denen sein Engagement gegen den Strich ging oder die einen PR-Gau der Grünen passend zu den kommenden Landtagswahlen herbeigesehnt haben.

Dass Volker Beck sich für eine liberalere Drogenpolitik immer eingesetzt hat, wird geflissentlich ignoriert. Er sei doch der Moralapostel.

Das Problem dabei: Als „Moralapostel“ gilt jeder, der Homophobie, Sexismus, Rassismus und Antisemitismus anprangert, wer sich aber negativ über das Privatleben – und um nichts anders geht es hier – eines Abgeordneten auslässt, kriegt diesen Stempel nicht.

Egal wie man persönlich zum Konsum von Drogen jedweder Art steht, es bleibt die eigene Entscheidung eines erwachsenen Menschen.

Methamphetamin

Nach Behauptungen der BILD-Zeitung soll Volker Beck Methamphetamin bei sich geführt haben. Methamphetamin beziehungsweise kristallin als „Crystal Meth“ bezeichnet, ist eine gefährliche Droge mit einer langen, wechselhaften und vielfach unrühmlichen Geschichte. Es steht außer Frage, dass man niemandem guten Gewissens den Konsum empfehlen kann. Es seien der Wikipedia-Artikel dazu und ein aktueller Artikel bei ZEIT Online empfohlen.

Aber ich bin auch ein Liberaler: Die Selbstschädigung mag dumm sein – aber sie sollte nicht verboten sein. Die Kriminalisierung von Konsumierenden, der „War on Drugs“ drängt aber vielmehr den Konsum ins Illegale, verhindert die Unterstützung von Betroffenen und verursacht mangels Regulierung ein enormes Qualitätsproblem. Die Zahl der Konsumierenden nimmt also nicht ab, die Risiken durch verunreinigten Stoff und einen kriminellen Schwarzmarkt nehmen aber zu.

Es ist schwierig in dieser Debatte eine Position einzunehmen, die Methamphetamin nicht sofort mit ausfallenden Zähnen und Nazi-Verbrechern in Verbindung bringt. Schnell ist man entweder der Apologet des Junkies – oder wird selbst als Junkie abgestempelt. Tatsächlich möchte ich aber eine Position vertreten, die realistisch die Risiken von Drogen diskutiert. Eine „Aufklärungskampagne“ wie Faces of Meth, die so offensichtlich mit überzogener Bildsprache versucht Stimmung zu erzeugen, hat keine Glaubwürdigkeit und leistet dem Ziel eines Schutzes einen Bärendienst. Die Schauermärchen kommen bei (potentiellen) Konsument*innen nicht an, da sie wie Kinder abgeschreckt werden sollen statt als eigenverantwortliche Individuen ernst genommen werden.

Drogen unterscheiden sich in ihrem physischen und psychischen Abhängigkeitspotential und ihrer körperlichen, seelischen und sozialen Schädlichkeit enorm. Trotzdem hat die Bundesdrogenbeauftragte 2013 nur 10 auf monovalent Methamphetamin zurückzuführende tödliche Vergiftungen registriert, während alleine am Heroin-Substitutionsmittel Methadon die doppelte Anzahl an Menschen starb.

586px-Drogen-schadenspotenzial-nutt-2010.svg_

Gerade in Spitzenberufen sind legale Drogen wie Nikotin und Alkohol aber auch illegale Drogen wie Kokain, Amphetamin (Speed, Ritalin) oder Methamphetamin keine Seltenheit. Während es bei Stars und Sternchen der Unterhaltungsbranche schon fast zum guten Ruf gehört, zurückliegende Drogenerfahrungen im Interview mit der Regenbogenpresse wahrnehmbar zu bereuen, und während sich Abseits illustrer Erbinnen kaum jemand für das Privatleben der Wirtschaftsspitze interessiert, stehen Politikerinnen hier unter enormem Druck. Persönlicher Konsum darf nicht thematisiert werden – wo es aber doch so wichtig wäre darüber zu reden.

Wenn wir eine wirkliche Debatte über Drogen führen wollen, müssen wir sie aus dem Schatten holen, ihre Wirkungen und Risiken ehrlich diskutieren und die Konsumierenden vom Image der halbtoten, zerfressenen Junkies befreien.
Am Ende steht hoffentlich die Erkenntnis, dass Drogen immer schon da waren, nie verschwinden werden und sich nur regulieren aber nicht verbieten lassen. Dafür ist der Rausch viel zu menschlich.

I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked,
dragging themselves through the negro streets at dawn looking for an angry fix,
angelheaded hipsters burning for the ancient heavenly connection to the starry dynamo in the machinery of night […]
– „Howl“, Allen Ginsberg

Bildnachweis: Fabian Stürtz


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen