Es herrscht Katerstimmung am Tag nach dem EU-Referendum im Vereinigten Königreich. Es ist, als hätten mehrere Hundertmillionen überzeugte Europäer*innen gestern einen über den Durst von diesem Feuerwasser des Nationalismus gesoffen. Und auch jetzt will keiner – mich eingeschlossen – so richtig wahrhaben, was passiert ist: Die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU, die drittgrößte Bevölkerung und einer der vier Alliierten des zweiten Weltkriegs, ohne deren Sieg Europa nicht befriedet werden können, hat sich entschieden eben jene Europäische Gemeinschaft zu verlassen. Uff!

Leider sind die Analysen dieses Schockmoments bisher genau so mangelhaft wie das häufige „Der letzte Drink war’s“. Und so hat man schnell Schuldige gefunden: Alte Engländer*innen auf dem Land! Schnell wird dabei hinterhergeschoben, wie viel Geld jedes Kuhdorf von der EU erhält, wie kurz im Schnitt ein*e über 65-Jährige*r noch zu leben hat und überhaupt – angry, stupid, old, white f*ckers!

Mit Schuldzuweisungen ist Europa aber noch nie weiter gekommen. Darum sollten wir sie auch jetzt, wo wir auf eine der größten Krisen unseres Kontinents zusteuern, bleiben lassen. Ja, die 18- bis 24-Jährigen haben sich wohl mit einer deutlichen Mehrheit für die EU ausgesprochen – gleichermaßen in England, Wales, Schottland und Irland. Das ist schön und macht mir als Teil dieser Generation Hoffnung. Jetzt werden die Unabhängigkeit Schottlands und die Einheit Irlands diskutiert, und Her Royal Majesty wird vermutlich gerade um ihren Schlaf gebracht beim Gedanken, dass mit dem möglichen Auseinanderbrechen des Vereinigten Königreichs das letzte Überbleibsel des alten Empire endgültig perdu wird.

Aber Europa besteht nicht nur aus Yuppies und Hipstern in den Großstädten, die in diesem Referendum am deutlichsten für den Verbleib in der EU gestimmt haben, sondern eben auch aus älteren und alten Menschen, einer ländlichen Bevölkerung, aus Menschen, die nicht permanent am Puls der Medien hängen, und aus sozial Abgehängten. Die Leave-Kampagne und ihre Pendents in anderen Staaten schüren deren Ängste; sie treiben einen Keil zwischen die Europäische Idee und diese Teile seiner Bevölkerung, die dadurch keinen Vorteil mehr darin sehen, zum Ganzen zu gehören.

Europa ist für viele nicht „mein Europa“ sondern das Europa der anderen. Das Versprechen von Wohlstand und Frieden in einem geeinten Europa, perspektivisch in einem vereinigten Europa, kam bei ihnen nicht mehr an. Das Verhalten und die Arroganz der europäischen Elite, die Intransparenz von Rat und Kommission und die Schwäche des Parlaments – hier warten gewaltige Anstrengungen auf uns, damit wir nicht auch noch die Herzen derer verlieren, die heute hinter dem politischen Projekt Europa stehen. Dass Bauern, die ohne EU-Subventionen nicht mehr überleben könnten, für den Austritt stimmen zeigt doch: Es geht nicht (nur) ums Geld. Es geht ums Gefühl, einen geachteten Platz in der Gemeinschaft einzunehmen, das Gefühl des Respekts, der Zugehörigkeit und des Miteinanders.

Jetzt einen Generationenkonflikt zu provozieren, die Spaltung in ein progressives postnationales und ein reaktionäres nationalistisches Lager zuzulassen, wäre fatal. Es gibt nur einen Ausweg aus dieser Krise des mangelnden  Rückhalts für das europäische Projekt: Wir müssen uns aufmachen in das „unentdeckte Land“, wie Shakespeare die Zukunft charakterisierte. Wir müssen die europäische Integration mit neuem Momentum versehen.

Kritik, Skepsis und Bedenken – freilich nicht Chauvinismus, Sexismus, Rassismus und Nationalismus – sind Teil der pluralistischen europäischen Demokratie. Deshalb wäre es verfehlt, die Skeptiker*innen als alt und dumm zu diffamieren. Auch sie sind Europa. Das pro-europäische Lager muss selbst das Visier hochklappen, aus der Defensive raus und die eigene Vision des Zusammenhalts, des Wohlstands, der Freiheit und des Friedens betonen. Das Siechtum, die fortgesetzte Krise der demokratischen Legitimation wäre der sichere Tod der EU. Denn selbst wenn die Institutionen funktionieren: Ein Europa ohne Europäer*innen hat keine Zukunft.

Kategorien: Politik

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