Erschienen in der GRETA, dem Mitgliedermagazin der Münchner Grünen, Ausgabe 10.2017, Seiten 8-9. Foto: Anna Schmidhuber.

Unser Fraktionsvorsitzender im Landtag Ludwig Hartmann hat mit uns über den Kampf gegen Flächenfraß gesprochen.

von Marcel Rohrlack

Wenn man liest, dass die Grünen eine Obergrenze fordern, stolpert man da erst mal drüber. Worum geht’s?

Wir wollen eine Höchstgrenze für den Flächenverbrauch, das ist der bessere Ausdruck. In Bayern verbrauchen wir 13,1 Hektar Fläche am Tag. Einmal im Jahr wird die Fläche von der Größe des Ammersees neu zubetoniert. Von 2000 bis 2015 haben wir soviel Fläche verloren, wie Bodensee, Starnberger See und Chiemsee zusammen haben. Es ist höchste Zeit, unsere schöne Landschaft, die Wiesen, Felder und Äcker zu schützen. Und dafür brauchen wir eine Höchstgrenze von 5 Hektar am Tag. Baden-Württemberg will von 5 auf 2,5 Hektar runterkommen. Das müssen wir jetzt erst noch schaffen.

Warum ist das Thema Flächenfraß das, worauf ihr einen Schwerpunkt legen wollt?
Ich bin felsenfest davon überzeugt: Der Umgang mit Wiesen, Äckern, Böden ist das umweltpolitische Thema unserer Zeit. Flächenfraß macht Hochwasser wahrscheinlicher und beschleunigt das Artensterben. Diesem „Schneller, Höher, Weiter“ muss man einen Riegel vorschieben. Wir müssen denken, bevor der Bagger kommt. Das Gesicht Bayerns ist nicht mehr nur die wunderschöne Bilderbuchlandschaft, sondern auch: Riesen-Logistikzentren und Riesen-Lkw-Parkplätze an der Autobahn. Das baut ja keiner mehr zurück und deshalb müssen wir was ändern.

Würde denn eine Höchstgrenze für Flächenfraß auch eine Höchstgrenze für das Bevölkerungswachstum bedeuten?

Von 1980 bis 2014 ist die Siedlungs- und Verkehrsfläche um 50 Prozent gestiegen, die Bevölkerung aber nur um 15 Prozent. Natürlich müssen wir Schulen und Wohnungen bauen, wenn Menschen zu uns ziehen. Das können wir auch mit einer Höchstgrenze. Wir müssen nur endlich sparsamer mit der Fläche umgehen.

Und wie reagieren wir dann besser auf das Bevölkerungswachstum?

Da muss man die Münchner Brille absetzen, auch wenn wir hier in München im Landtag sind. Wir haben eine ganze Reihe Regionen, die schrumpfen. Die Region Hof hat seit der Wende gut 8.000 Einwohner verloren. Aber in den Ballungsgebieten herrscht Wohnungsnot, deshalb muss man in München über das ein oder andere Hochhaus nachdenken dürfen.

Ist der Flächenfraß ein Problem des ländlichen Raums? Und würde eine Höchstgrenze nicht die Entwicklung der Infrastruktur im ländlichen Raum erschweren und dadurch das Stadt-Land-Gefälle noch verstärken?

Zwei Drittel des Flächenverbrauchs gehen auf strukturschwache Gegenden in Bayern und auf Grenzregionen, die kein oder nur ein geringes Bevölkerungswachstum haben. Wenn Söder behauptet, dass der Straßenbau Wachstum generieren würde, hat das gar nichts mit der Realität zu tun. München braucht 73 Quadratmeter versiegelte Fläche pro Einwohner, Neustadt an der Waldnaab aber 871 Quadratmeter. Durch die Höchstgrenze muss man effizienter mit Grund und Boden umgehen. Ein Baumarkt im Umland ist ebenerdig und hat einen Riesen-Parkplatz. In München hat er ein Parkdeck, eine Tiefgarage und zwei Stockwerke. So kommt man mit einem Drittel der Fläche aus. Keiner muss also auf irgendetwas verzichten.

Viele Ortschaften wünschen sich aufgrund der Verkehrsbelastung eine Ortsumgehung. Warum sollten die sich gegen Versiegelung engagieren?

Da kann ich Beispiele aus meinem Heimatlandkreis Landsberg nehmen. Erst kommt eine neue Umgehungsstraße. Nach zwei, drei Jahre entsteht dort ein Discounter. Kurz danach schließen der Bäcker, der Metzger, der letzte Lebensmittelmarkt im Ort und der Ortskern stirbt aus. Gerade für ältere Menschen ist dann fußläufig fast keine Einkaufsgelegenheit mehr da. Ein junger Familienvater hat mich am Infostand darauf angesprochen, dass er sein Kind nicht mehr allein zum Einkaufen schickt, weil die Umgehungsstraße zu gefährlich ist. Das ist Lebensqualität, die im Ort verloren geht, und da zeigen meine ganzen Reisen von Mittenwald bis nach Aschaffenburg ein Umdenken der Bevölkerung. In Inning am Ammersee wurde vor anderthalb Jahren in einem Bürgerbegehren die Umgehungsstraße abgelehnt.

Wir müssen noch über das Anbindegebot sprechen, also dass Gewerbegebiete an bestehende Bebauung anschließen müssen und Gewerbe ächen nicht auf der grünen Wiese an Autobahnen oder Bundesstraßen entstehen. Was spricht eigentlich dagegen, etwa ein Logistikzentrum abseits zu bauen?

Es bleibt ja nicht bei einem Logistikzentrum an der Abfahrt, ein paar Jahre später sind da drei, vier, fünf. Die geerbte Kulturlandschaft in Bayern geht so Stück für Stück verloren. Eine Fahrt durch einen Ort, sieht doch meistens so aus: Erst kommt die Tankstelle, dann ein Discounter und irgendwann der Ortskern. Auch die ganze Infrastruktur – Straßen, Kanal, Wasser, Strom – wird für die gleiche Anzahl von Menschen auf eine größere Fläche ausgelegt und damit teurer. Dabei haben wir gut 11.000 Hektar ausgewiesene Gewerbegebiete, die gar nicht bebaut sind. Ich habe noch nie ein Unternehmen in Bayern erlebt, das Proble- me hatte, eine Fläche zur Expansion zu bekommen.

Würde eine Höchstgrenze für den Flächenverbrauch nicht den Ausbau erneuerbarer Energien unnötig erschweren?

Wir müssen natürlich ganz stark auf Windkraft setzen. Die ist flächenmäßig die beste Energieform, weil sie so ein kleines Fundament hat. Das kriegen wir locker noch unter!

Mit welchen Instrumenten wollt ihr wirkungsvoll sicherstellen, dass der Flächenverbrauch auf unter fünf Hektar begrenzt wird?

Wir wollen einen Paragraphen ins Landesplanungsgesetz einfügen, der die Höchstmenge pro Tag übers Jahr gemittelt gesetzlich festlegt. Sich nur weniger Flächenverbrauch zu wünschen, wie die Staatsregierung das tut, bringt nichts. Weil unser Gesetzesentwurf aber voraussichtlich keine Mehrheit nden wird, müssen wir dann den zweiten Schritt gehen und ein Volksbegehren voranbringen. Das ist natürlich eine Mammutaufgabe. Die erste Hürde, 25.000 Unterschriften, werden wir hinbekommen. Die zweite ist alles andere als ein Spaziergang. Da müssen sich fast eine Million Menschen innerhalb von 14 Tagen in den Rathäusern eintragen. Wenn das Gesetz beim Volksentscheid eine Mehrheit bekommt, ist das wie in Stein gemeißelt. Dadurch haben wir für den Umweltschutz in Bayern wahrscheinlich mehr erreicht als in 30 Jahren hier im Landtag.

Ich möchte zum Schluss noch darauf eingehen, wer unsere Partnerinnen und Partner sein können. Du hast von einer Allianz mit dem Bauernverband gesprochen. Das sind neue Töne. Auf welcher Grundlage könnte man denn überhaupt zusammenarbeiten?

Der Bauernverband, die ABL, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, und die Milchviehhalter sind sich einig: Flächenverbrauch ist ein Riesenproblem. Auf dem Land betrifft das in erster Linie die Felder und Weiden, die nah am Ort sind. Die Bauern wollen die Kühe ja nicht durch den halben Landkreis treiben. Es geht um ihre Existenz. Ich bin überzeugt, das wird noch ein ganz breites Bündnis werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ludwig Hartmann

Geboren 1978 in Landsberg, ist er seit 1994 bei der GRÜNEN JUGEND und den GRÜNEN aktiv. 1999- 2002 war er Landessprecher der GJ Bayern und gehört seit 2002 dem Stadtrat von Landsberg an. Unter dem Motto „Wieder ein Ludwig für Bayern“ zog er 2008 in den Landtag für den Stimmkreis München-Bogenhausen ein. 2012 unterlagt er bei der Wahl zum Landsberger Oberbürgermeister knapp mit 48,6% der Stimmen. Im Jahr darauf wurde er zum Fraktionsvorsitzenden der Landtagsfraktion gewählt und führt die Fraktion seither.


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