Der Mietwahnsinn trifft besonders Studierende. Ihm muss mit mutigen Bauprojekten begegnet werden.

Erschienen in der GRETA, dem Mitgliedermagazin der Münchner Grünen, Ausgabe 12.2017, Seite 15.

Hundert Meter lange Schlangen bei Wohnungsmassenbesichtigungen, Quadratmeterpreise jenseits des für viele Bezahlbaren und eine Vermieterschaft, die scheinbar keine Rücksicht auf die Mieter*innen nimmt¹: Eine Wohnungssuche hat in München völlig zu Recht einen Ruf als Spießrutenlauf weg. Man könnte die Stadt dafür hassen, wie beliebt sie ist. Würden doch bloß weniger Menschen hier wohnen wollen!
Exzellente Universitäten ziehen jeden Herbst tausende neue Studierende an, die selbstverständlich irgendwo wohnen müssen. In Wohnungsanzeigen lesen sie jedoch, dass Vermieter*innen gar nicht erst an Studierende vermieten, und das Studentenwerk ist überlastet und kann nur den wenigstens einen Wohnheimplatz anbieten.
Auf 127.000 Studierende kommen nämlich lediglich 11.000 Wohnheimplätze. Weniger als ein Zehntel der Studierenden kann also einen geförderten Wohnheimplatz nutzen. Darüber hinaus entsteht eine Gerechtigkeitslücke, da nur ein Bruchteil derer, die eine preiswerte Wohnung bräuchten, das Glück haben im Vergabeverfahren einen Platz zu bekommen. Auch die Zahl der über die Privatzimmervermittlung angebotenen Zimmer hat sich seit den frühen Zweitausendern sogar mehr als halbiert.
Der Großteil der Wohnheimplätze stammt noch aus der Zeit Hans-Jochen Vogels vor einem halben Jahrhundert. Seit den frühen Siebzigerjahren wurde die Zahl der Plätze zwar schrittweise etwa verdoppelt, mit dem enormen Bedarf durch steigende Mieten am freien Markt und Rekordzahlen an Studierenden kann sie jedoch nicht mithalten. Denn seit der Nachkriegszeit hat sich die Zahl der Studierenden der LMU etwa verfünffacht und die Mieten am freien Markt gehen durch die Decke.
Die meisten müssen also eine Wohnung auf dem freien Markt finden. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat in einem Gutachten 2016 ausgerechnet, was eine „studentische Musterwohnung“ in unterschiedlichen deutschen Städten kostet. Für eine Wohnung von 30m² mit normaler Ausstattung in der Nähe der Universität müssen Münchner Studierende im Jahr 2015 im Schnitt 580 Euro zahlen – 62 Euro mehr als noch fünf Jahre früher. In Berlin wäre ein vergleichbare Behausung 194 Euro billiger. Offenbar sind bei den Preisen alle Dämme gebrochen und in München zu leben wird mehr und mehr zum Luxus.
In den sozialen Medien haben sich währenddessen sogenannte Justus-Witze verbreitet. Justus, ein TUM-BWL-Student, kommt aus betuchtem Haus und kennt keine Geldsorgen. („Warum haben viele Studierende zum Monatsende kein Geld? Man kann doch einfach welches abheben.“) Ein harmloser Witz, der mit Klischees spielt, aber auch Wahrheit enthält. Denn wenn es so weiter geht, wird sich in Zukunft nur noch Justus ein Studium in München leisten können. Universitäten wären dann nicht mehr die Chancen-Schmieden, die sie sein sollten. Denn es geht nicht nur um gerechte Möglichkeiten heute, sondern es geht in der Frage des studentischen Wohnens um einen gerechten Zugang zu den Chancen von morgen.
Das Klein-Klein beim Bauen für Studierende muss endlich ein Ende finden. Die Mutlosigkeit der letzten Jahrzehnte schafft Ungerechtigkeiten und verbaut Chancen, gerade weil nicht gebaut wird. Es muss ein neuer Baumut entstehen, um die große Herausforderung einer wachsenden Stadt, die für alle zugänglich ist, zu bewältigen. Dafür muss wieder groß und auch hoch gedacht werden. Vierzig Jahre nach der Fertigstellung der Studentenstadt ist es darum Zeit für eine neue Studentenstadt.

¹ nachträglich überarbeitet

Kategorien: Politik

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